Barfuß? Das ist doch ekelhaft!
Obwohl die Reaktionen meiner Mitmenschen durchweg positiv sind, höre ich doch manchmal den Satz: „Das ist doch ekelhaft!“ Am Tonfall muss ich dann erkennen, was eigentlich gemeint ist: „Ekelst du dich nicht davor, auf der dreckigen Straße zu laufen?“ Oder eher: „Ich finde es ekelhaft, dass du barfuß läufst!“
Muss ich barfuß ekelhaft finden?
In der Vorstellung vieler Menschen scheint die Straße der Ort der größtmöglichen Verunreinigung zu sein: Hinterlassenschaften von Katzen und Hunden, Urin, Erbrochenes, Glasscherben und Dreck jeglicher Art. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Aber ist das wirklich die Realität?
Nach meiner Beobachtung passt diese Erwartung nicht ganz zur Wirklichkeit. Ich bin in meinem ganzen Leben höchstens zweimal in einen Hundehaufen getreten. Das letzte Mal war Anfang der Neunzigerjahre. In eine Glasscherbe bin ich noch nie getreten – weder mit Schuhen noch barfuß. Wenn du einmal bewusst darauf achtest, wirst du vermutlich erstaunlich selten „Hinterlassenschaften“ oder Glasscherben finden.
Das ist eines der typischen Themen unter Barfüßern: Wer barfuß geht, achtet sehr genau darauf, wohin er tritt. Alles, was gefährlich oder unhygienisch sein könnte, sieht man meistens auch.
Das meiste jedenfalls. Einen kleinen spitzen Gegenstand, etwa eine Reißzwecke, kann man tatsächlich übersehen. Aber Dauer- und Alltagsbarfüßer haben hier einen Vorteil: Die Sensorik wird ständig trainiert. Wir merken sehr schnell, wenn wir auf etwas treten, das dort nicht hingehört. Dann kommt dazu, dass nackte Füße mit jedem Schritt eine Vorspannung aufbauen. Das bedeutet, dass wir schneller als Schuhträger die Füße wieder wegziehen können. Ich spreche hier aus Erfahrung, weil ein Raum, in dem ich Kurse durchführe, auch für andere Veranstaltungen genutzt wird, und dort tatsächlich immer mal Reißzwecken liegen.
Natürlich sind weder Schuhträger noch Barfüßer davor gefeit, im Schwimmbad auf eine Biene oder Wespe zu treten. Aber das gehört für mich in die Kategorie: allgemeines Lebensrisiko.
Ja, es gibt Situationen, in denen Barfüßer oft gefordert sind: öffentliche Toiletten, Unterführungen oder stark verschmutzte Orte. In solchen Momenten braucht man eine passende Lösung – so wie in vielen anderen Alltagssituationen auch.
[Hilden] geht ausführlich darauf ein, dass die Haut eine Barriere gegen Krankheitserreger bildet. Das entspricht der allgemeinen Lebenserfahrung! Denn wir gehen ständig mit Bargeld um, das durch zahllose Hände geht, in den Dreck fällt, auf dem Boden liegt oder sonstwie verschmutzt ist. Dennoch werden wir nicht krank davon. Es steht also zu vermuten, dass die gesunde Haut an den Fußsohlen Krankheitserreger genauso zuverlässig abwehrt.
Müssen andere barfuß ekelhaft finden?
Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, finden Barfußlaufen interessant, sympathisch oder sogar toll. Viele sagen, sie würden das auch gern machen. Dann gibt es aber vereinzelt Menschen, die Barfußlaufen unangemessen, unhygienisch oder sogar ekelhaft finden.
Ein Beispiel: Im November 2024 habe ich dem General-Anzeiger Bonn ein Interview über das Barfußlaufen gegeben. Der GA hat den Teaser des Artikels auf Facebook veröffentlicht. Die meisten Kommentare waren recht amüsant zu lesen. Den Kommentar von Sarah B. fand ich jedoch bemerkenswert:
Ich kenne auch so nen Barfußkünstler. Manche Leute sind einfach völlig überdreht scheinbar. Ich kann bei sowas nur lachen. Ich hoffe, er geht so nicht auch einkaufen oder aufs Amt oder so. Das wäre ja dann schon sehr unhygienisch und eklig.
Sarah B. auf Facebook
Ein anderes Beispiel: In einem Museum in Rolandseck ging mich eine Aufseherin ziemlich rabiat an, weil Barfußlaufen unhygienisch sei. Ich bat sie, das genauer zu erklären. Ihre Antwort: Kinder spielten auf dem Boden. Gleichzeitig liefen viele Besucher in Straßenschuhen an uns vorbei. Ich fragte sie, ob sie das nicht unhygienisch finde – immerhin werde so Straßendreck und Regenwasser auf den Boden getragen. Mit einem herzhaften „Na, ist halt so!“ ging sie weiter.
Und ein letztes Beispiel: Im Galileo-Selbstversuch siehst Du, dass "barfuß" im gezeigten Restaurant nicht gut ankommt. Dazu möchte ich anmerken, dass nach meiner Erfahrung die höherpreisigen Restaurants weniger Probleme mit barfüßigen Gästen haben. Es sind eher die Touristenlokale, die damit nicht klarkommen.
Wie sehe ich diese Reaktionen?
Niemand käme auf die Idee, die Ekel-Karte zu ziehen, wenn ich mit Flip-Flops herumlaufen würde. Aber sobald meine Fußsohlen den Boden berühren, soll es plötzlich unhygienisch sein. Diese Logik überzeugt mich nicht.
Füße von Dauer-Barfüßern schwitzen weniger. Und wenn Füße die ganze Zeit über Asphalt gezogen werden, können sich an den Sohlen keine Bakterien ansiedeln. Folglich stinken diese Füße nicht.
Dauer-Barfüßer sind in der Regel sehr darauf bedacht, keinen Dreck mit in die Wohnung zu nehmen. Das heißt, wir waschen unsere Füße wirklich oft. Außerdem reinigen die meisten von uns die ganze Fußsohle mit einem Bimsstein, um auch den ganz feinen Dreck zu entfernen. Also sind die Füße von Barfüßern tendenziell sauberer.
Füße von Barfüßern sind trockener und widerstandsfähiger. Das heißt, dass sie weniger anfällig sind für Fußpilz. Und da wir immer damit rechnen, dass unsere Mitmenschen auf unsere Füße schauen, achten wir mehr als viele Schuhträger auf ein gepflegtes Erscheinungsbild.
Kurz gesagt: Mir ist schleierhaft, was daran ekelhaft sein soll, wenn Menschen barfuß laufen. Vielleicht verwechseln manche einfach „ungewohnt“ mit „ekelhaft“.
Was ich unangenehm finde
Natürlich hat jeder seine eigenen Trigger. Was ich zum Beispiel wirklich unangenehm – vielleicht sogar ekelhaft – finde:
- Ein Bekannter niest in die Hände, wischt sie an der Hose ab und reicht mir anschließend zur Begrüßung die Hand.
- Andere Badegäste schneiden oder knipsen sich die Zehennägel in der Sammelumkleide und lassen die abgeschnittenen Teile auf dem Boden liegen.
- Die Bedienung in meiner Lieblings-Eisdiele nimmt in Dauerschleife Eiswaffeln in die Hand und kassiert im gleichen Takt Bargeld.
- Kunden im Supermarkt nehmen jede Tomate einzeln in die Hand, drücken daran herum und legen sie dann wieder zurück.