98 % aller Kinder kommen mit gesunden Füßen zur Welt. Knapp zwei Drittel aller Erwachsenen haben dagegen Probleme mit ihren Füßen: Hallux valgus, Knick-, Senk- oder Spreizfuß. Viele Beschwerden können durch ungeeignetes Schuhwerk und eine zu schwache Fußmuskulatur begünstigt werden [Kuhn et al.]. Wie können Eltern also dazu beitragen, gesunde Kinderfüße zu erhalten? Und was kann der natürlichen Entwicklung möglicherweise schaden?
Ein prägendes Erlebnis war der erste Schuhkauf mit meiner Tochter. Als sie laufen lernte, wollte ich ihr in einem etablierten Fachgeschäft für Kinderschuhe passende Schuhe kaufen. Die Verkäuferin brachte ein Paar und bat mich, diese Schuhe mit meiner Tochter zu probieren.
Mein erster Test beim Schuhkauf ist einfach: Ich nehme die Innensohle heraus und stelle den Fuß meines Kindes darauf. Wenn der Fuß in Länge und Breite gut Platz hat, kommt die Sohle wieder in den Schuh, und mein Kind probiert ihn an.
Dabei fiel mir auf, dass in der Sohle eine Pronationsstütze eingearbeitet war. Ich fragte die Verkäuferin, ob das beabsichtigt sei und welchen Zweck diese Stütze habe. Sie erklärte mir, dieses Modell werde „gern gekauft“. Die Pronationsstütze solle dem Kinderfuß helfen, in die richtige Position zu finden.
Diese Beratung hat mich irritiert. Der Nutzen von Pronationsstützen wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Aus meiner Sicht gibt es keinen überzeugenden Grund, gesunde Kinderfüße vorsorglich mit solchen Stützen zu versorgen. Gerade bei Kindern sollte man sehr genau überlegen, ob eine korrigierende Maßnahme wirklich notwendig ist.
Helfen Pronationsstützen wirklich, den Kinderfuß in eine bessere Aufrichtung zu bringen? Ich bin skeptisch. Meine Einschätzung stützt sich unter anderem auf Veröffentlichungen und Vorträge von Prof. Astrid Zech [Zech]. Studien zum Barfußlaufen bei Kindern zeigen, dass Kinder, die häufig barfuß unterwegs sind, in motorischen Tests Vorteile zeigen können. Sie entwickeln oft ein besseres Gleichgewicht, springen sicherer und bewegen sich koordinierter als Kinder, die überwiegend Schuhe tragen.
Was bedeutet das für Pronationsstützen? Wenn Kinderfüße kaum Gelegenheit bekommen, Muskeln aufzubauen und ihre Wahrnehmung über die Fußsohle zu schulen, können sie möglicherweise weniger gut lernen, sich selbst zu stabilisieren. Kinderfüße brauchen nicht automatisch Führung. Sie brauchen vor allem Bewegung, Reize und ausreichend Platz. Eine einfache Möglichkeit besteht darin, Kinder regelmäßig barfuß laufen zu lassen. Gute Anregungen dazu finden sich auch bei [Kerscher].
Die Pronationsstütze im Kinderschuhgeschäft war leider kein Einzelfall. Auch andere Quellen thematisieren problematische Beratung, unpassendes Schuhwerk und den frühen Einsatz von Einlagen bei Kindern [Kuhn et al.] [Hilden]. Deshalb sollten Eltern genau hinsehen. Gut gemeinte Unterstützung kann sonst leicht das Gegenteil dessen bewirken, was eigentlich erreicht werden soll.
Literatur & Quellen
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[Hilden]
Hilden, Wolfgang: Fünf Jahre barfuß. Books on Demand, Norderstedt 2018. ISBN 978-3-7460-7423-8. -
[Kerscher]
Kerscher, Lorenz: Barfuß werden wir beweglich. fidibus Verlag, 2013. ISBN 978-3-943411-23-2. -
[Kuhn et al.]
Kuhn, H.; Gerdes-Kuhn, R.; Küster, H.-H.: Das Cinderella-Schuh-Syndrom. In: Fuss 5 (2007), S. 26–31. DOI: 10.1007/s10302-007-0270-4 -
[Zech]
Zech, Astrid: Beeinflussbarkeit des Gang- und Laufverhaltens durch Schuhbedingungen. In: Orthopädie 52 (2023), S. 626–630. DOI: 10.1007/s00132-023-04407-0
Ergänzend: Vortrag auf YouTube (abgerufen am 31.10.2024)